Nachhaltig Reisen ohne Flugzeug — Von Berlin bis in die Mongolei und dann nach Flegessen

Nachhaltig Reisen ohne Flugzeug

Seit dem 1. April dürfen wir ein neues AHO-Familienmitglied bei uns willkommen heißen. Für vier Monate wird uns Chantal bei unserer Arbeit unterstützen. Dass sie nun mit uns zusammen wohnt, hätte sie niemals gedacht. Sie ist nämlich Studentin und befand sich für ein Auslandsjahr auf dem Weg nach China. Da sie selbst versucht möglichst nachhaltig zu leben, entschied sie sich dabei gegen einen Flug und für viele Stunden in Autos, Bussen und Zügen. Wie das ganze genau ablief, erklärt uns Chantal in dem folgenden Blogpost. 

 

Motivation und Idee

Als ich mich mit einer Kommilitonin am 21. Januar und ausgestrecktem Daumen an einer Raststätte kurz vor Polen befand, hätte ich niemals gedacht, dass ich mich nun in einem kleinen Dorf in der Nähe von Hameln wiederfinden würde. 

China war das große Ziel, nachdem wir uns in der Uni intensiv auf diese Zeit vorbereitet hatten. Mandarin und die chinesische Kultur standen auf dem Lehrplan, um uns “International Business Studies”-Studenten*innen möglichst gut für den einjährigen Auslandsaufenthalt zu wappnen. 

Geprägt durch das eigene Streben nach einem nachhaltigen Lebensstil, welches durch unseren Studiengangleiter Henning Austmann (der sich für Nachhaltigkeit im Sinne einer Post-Growth-Ökonomie, als auch Permakultur engagiert) abermals intensiviert worden war, fasste ich folgenden Entschluss: Ich möchte nach China, jedoch nicht per Flugzeug. 

 

Schamanenstein auf dem Baikalsee

Wie, ohne Flieger?

Doch wie bestreitet man eine Reise von solch großer Distanz, ohne in einen Flieger zu steigen? Und eine noch bessere Frage - wieso?

Nun, diese Frage lässt sich leicht beantworten, wenn wir einen genauen Blick auf die Emissionsbilanz eines Fluges werfen. Als Beispiel die Strecke von Berlin nach Köln und zurück - ein ICE verursacht hierbei 27,6 Kilogramm CO2 pro Kopf. Das Flugzeug stößt hingegen 298 Kilogramm CO2 pro Person aus

Das ist mehr als der zehnfache Ausstoß. Dies kann ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, wenn es andere Möglichkeiten gibt.

Meine Kommilitonin und ich entschieden uns demnach für einen Mix aus vielerlei anderer Transportmittel - per Anhalter (“hitchhiken”), Bus und Transsibirischer Eisenbahn (welche dann ab der Mongolei auch transmongolische Eisenbahn genannt wird) sollte es bis in die verbotene Stadt, Peking, gehen. Das Reisen per Anhalter und das Benutzen von Couchsurfing erlaubten es uns, sehr kostensparend unterwegs zu sein.  

 

Per Anhalter nach China

Kostenlose Unterkunft und veganes Essen

Couchsurfing ist eine App, welche es ermöglicht, dass Menschen aus aller Welt zueinander finden und sich gegenseitig aus Interesse an Kulturen, verschiedenen Sprachen und dem Wunsch nach einem Austausch umsonst beherbergen. Neben der kostenlosen Unterkunft vereinfacht dies auch die Kosteneinsparung beim Essen - statt in einem teuren Hotelrestaurant kann einfach in der “eigenen” Küche gekocht werden. Zumal sich die Hosts auch immer über unsere rein pflanzlichen Gerichte gefreut haben. Ein weiterer wichtiger Punkt: sich selbst bei jemandem einzuquartieren ist prinizpiell deutlich nachhaltiger als jedes Hotel, Hostel oder AirBnB: Der Wohnraum wird ständig genutzt und nicht nur auf Anfrage. Durch eigenes Kochen können gesunde, lokale und natürlich vegane Gerichte für eine passende Anzahl an Menschen zubereitet werden. 

Falls wir uns jedoch nicht selber an den Herd stellen wollten, half uns die App “HappyCow” dabei, leckere vegane Restaurants zu finden. 

 

Bei einem Couchsurfer in Tallin durften wir lernen, mit einem entsprechenden "Brennstift" in Holz zu malen

Per Anhalter, Bus und transsibirischer Eisenbahn

Wir besuchten Polen, Litauen, Lettland und Estland, bevor wir es nach Russland geschafft hatten. Von Europa nach Asien, ohne nur ein Mal in die Lüfte zu gehen. Viele haben versucht, uns vorm Hitchhiking zu warnen. Es wäre gefährlich und unzuverlässig. Dies können wir nicht bestätigen - wir kamen stets sicher an unser Ziel, alles was es brauchte war eine kleine Vorbereitung der Route. Schau dir deinen Startpunkt und das Endziel auf einer Karte an und schau, wie lange es dauern wird, wenn diese Strecke direkt zurückgelegt wird. Natürlich dauert das Trampen von A nach B etwas länger, da du eventuell nicht direkt mitgenommen wirst und je nach Strecke auch öfters “umsteigen” musst.

Generell ist es recht einfach in eine Stadt reinzukommen, jedoch etwas schwieriger, diese per Anhalter zu verlassen. Unser Tipp: hitchwiki, eine Website, die dir geeignete Spots für fast alle Städte weltweit vorschlägt und einen Austausch zu anderen Reisenden ermöglicht. Ein weiterer riesiger Pluspunkt beim Trampen: Netzwerkerweiterung durch das Treffen und Kennenlernen verschiedenster Menschen. Wir sind in großen LKWs oder auch kleinen Knutschkugeln gefahren, eine wertvolle Erfahrung war es in jedem Fall. 

Falls wir dennoch wirklich mal kein Glück mit den vorbeifahrenden Autos hatten, schauten wir entweder nach Bussen (Flixbus ist hier eine gute Idee) oder nach BlaBlaCar. Damit kamen wir immer voran - auch ohne Flugzeug. Besonders spannend war es für uns, mit der transsibirischen Eisenbahn zu fahren. Die Strecke von Moskau nach Wladiwostok stellt die längste Zugverbindung weltweit dar. Der Zug ist in drei verschiedene Klassen aufgeteilt, wobei wir - sofern möglich - uns immer für die günstigste, dritte Klasse entschieden haben. Hierbei teilten wir uns mit 52 anderen Personen (meistens trinkfreudige Russen) den Wagon. Teilweise saßen wir über 30 Stunden in ein und demselben Abteil, doch letztendlich durften wir so nicht nur die Russen besser kennenlernen, sondern auch, was es bedeutet, nachhaltig zu reisen.

 

In der Transibirieschen Eisenbahn

Es bedeutet, sich Zeit zu nehmen. Die Orte wirklich erkunden. Die Menschen wirklich kennenlernen. 

So wird der Weg, der sonst innerhalb weniger Stunden in einer lauten Maschine hinter sich gelassen wird, zu einer eigenen Reise. Es wird nicht nur die Liste der besuchten Länder in die Höhe getrieben, sondern auch die der schönen Erinnerungen an besondere Menschen und Orte.  

 

Corona – Flegessen statt China

Corona – Flegessen statt China

Während wir unsere Reise fortsetzten, standen wir im ständigen Austausch mit unserem Professor, denn es breitete sich ein neues Virus in China aus. Bereits nach zwei Wochen nach Start der Reise stand fest: Unser Jahr in China können wir aufgrund von COVID-19 nicht antreten. Gemeinsam mit den anderen Studenten suchten wir nach alternativen Lösungen für diese außergewöhnliche Situation. Bereits als wir Irkutsk, eine Großstadt in der Nähe des Baikalsees erreichten, begannen wir damit, uns für verschiedene Praktika zu bewerben. Das sollte nämlich der Plan sein - das Bachelorpraktikum vorziehen um so die Zeit zu überbrücken. 

Doch auf die Schnelle ein Praktikum zu finden, das auch mit meinen Werten einhergeht? Ich fand mich vor eine Herausforderung gestellt, denn der Entschluss fiel recht spontan und Stellen zu finden, bei denen Nachhaltigkeit nicht nur angepriesen, sondern wirklich auch gelebt wird, ist bei dem ganzen Green-Washing gar nicht so leicht.

 

Umso dankbarer war ich, als mir Henning Austmann das Angebot von der AHO.BIO GmbH zukommen lassen hat. Dies hat mich von der Mongolei nach Flegessen gebracht hat. Statt von knapp 10 Millionen Menschen in Hangzhou, bin ich nun von etwa knapp 2 Tausend Menschen in der kleinen Dörfergemeinschaft umgeben. Eine neue Reise beginnt - ohne Flugzeug, ohne transsibirische Eisenbahn, allerdings mit viel Fahrrad fahren und leckeren Rohkost-Crackern. 

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